“Songs”
“Jokes on Me”
“A Drive from You to I”
“Rodeo Fight”
“White Lines”
“Alley-Oop”
“Camarillo”
“Only If U Call Sumtime”
“Mandy”
“Jokes on Me”
“A Drive from You to I”
“Rodeo Fight”
“White Lines”
“Alley-Oop”
“Camarillo”
“Only If U Call Sumtime”
“Mandy”
“Lyrics”
Ein äusserst zentraler Teil meiner Arbeit ist die intensive Auseinandersetzung mit Lyrik, Poesie und dem geschriebenen Wort. Nachdem ich mich in den vergangenen Jahren stark am Rap orientiert, dessen Texte eingehend studiert und mich in meinem eigenen Schreiben an dessen Sprache, Rhythmik und Erzählweisen bedient hatte, hat sich mein Zugang zum Schreiben im Laufe der Zeit zunehmend erweitert. Hier habe ich genau denselben Ansatz wie im Kapitel “Historischer Kontext” gewählt: Wie haben Lyrics zu verschiedenen Zeiten geklungen, und wer waren die Protagonist*innen, die einen prägenden Beitrag zu ihrer Entwicklung geleistet haben? Eine Auseinandersetzung mit Lyrics, die heutzutage meiner Meinung nach allzu oft übersehen wird.
Während meiner Masterarbeit widmete ich mich insbesondere intensiv der Analyse von den Texten alter Jazzstandards, der Poesie des vergangenen Jahrhunderts, den Lyrics bedeutender Songwriter*innen der 1970er-Jahre und – am nennenswertesten – dem Schaffen von Joni Mitchell.
Joni Mitchell gilt als eine absolute Koryphäe der Songwriter-Szene und als eine der einflussreichsten Singer-Songwriterinnen der Musikgeschichte.
Besonders beeindruckend finde ich ihre Fähigkeit, persönliche Erfahrungen, zwischenmenschliche Beziehungen und alltägliche Beobachtungen in eine Sprache zu übersetzen, die gleichzeitig sehr präzise und offen für Interpretation bleibt. Ihre Texte wirken oft unmittelbar und persönlich, ohne dabei an poetischer Tiefe zu verlieren. Sie schafft es, konkrete Situationen und Details so einzufangen, dass daraus grössere emotionale und gesellschaftliche Zusammenhänge entstehen.
Ihre markanten Bilder wie „ice cream castles in the air“, „tin soldier Nixon coming“, „love came to my door with a sleeping roll“, „we’re captive on the carousel of time“, oder „I'm a lonely painter, I live in a box of paints“ bewegen mich sehr.
Eine fantastische Songwriter*in würde nicht einfach davon singen, dass es heiss ist. Sie würde vielleicht die Rasensprinkler beschreiben, die Wasser über den Rasen spritzen – denn allein dieses Bild vermittelt, dass die Hitze so stark ist, dass der Rasen bewässert werden muss.
Joni Mitchell geht jedoch noch einen Schritt weiter: In „The Hissing of Summer Lawns* muss sie weder die Hitze noch die Rasensprinkler direkt benennen. Das Geräusch des Wassers wird zum eigentlichen Bild. Sie beschreibt also nicht die Ursache oder benennt das Gefühl, sondern findet ein konkretes, sinnlich wahrnehmbares Detail, das all dies implizit transportiert. Dadurch malt sie unglaublich dichte und saturierte Zeilen, in denen mit sehr wenigen Worten eine ganze Atmosphäre spürbar wird.
Genau von dieser sprachlichen Präzision und inhaltlicher Sättigung und Farbe möchte ich für meine eigene künstlerische Arbeit besonders viel lernen.
“Lyric-Analyse”
von “A Drive from You to I”
Eine Analyse nimmt einem Gedicht oder einem Songtext unweigerlich einen Teil seiner Magie. Beim Schreiben meiner Texte bin ich mir der verwendeten Stilmittel durchaus bewusst. Trotzdem ist es für mich sehr wichtig, eines klar festzuhalten: Die Kunst kommt immer zuerst, die Analyse erst danach.
Meine Songs enthalten genau die Lyrics, die sie enthalten, weil es genau diese Wörter sind, mit denen ich das, was ich ausdrücken möchte, am präzisesten und unmittelbarsten sagen konnte. Eine nachträgliche Analyse kann diesem Anspruch deshalb nur bedingt gerecht werden. Indem sie etwas, das in seiner ursprünglichen Form bereits so präzise wie möglich ausgedrückt wurde, in zusätzliche Worte und Erklärungen übersetzt, läuft sie Gefahr, genau das zu zerstören, was die ursprüngliche Form ausmacht.
Gleichzeitig war aber die Arbeit mit Lyrik und Poesie ein wesentlicher Bestandteil meiner Masterarbeit. Deshalb möchte und muss ich an dieser Stelle dennoch einen Einblick in dieses Arbeiten geben und offenlegen, wie bestimmte Texte entstanden sind, welche stilistischen Mittel ihnen zugrunde liegen und wie ich mich ihnen analytisch nähere. Dabei soll die Analyse die Lyrics jedoch nicht erklären oder auf eine einzige Bedeutung reduzieren, sondern vielmehr einen Blick hinter ihre Entstehung und Konstruktion ermöglichen.
Ich habe mich dazu entschieden erst die Lyrics ohne Kommentare hier zu zitieren.
So kann man sie umkommentiert durchlesen, eine Weile auf sich wirken lassen und dann in der Analyse fortfahren.
“
Squinting through the steering wheel
Pistons howling through engine steel
Driving from yours to Californias heel
From something magical to something real
The suns barrel smolders on lead
The wind carries her dress in California red
Wheat into flour, flour into bread
Present into past and I take back what I said
I’ll be there in 45
Beautiful ride
Rolling down rodeo drive
It’s you and I
You always have it your way
I always end up at your place
I was howling at the moon last night
Licking off the wounds of a previous life
Stardust, UFO’s and sugar in your nose
My otherworldy spite
The astral planes facade
Am i a saint or a sinner or a fraud
Wrongfully accused by god
Am I a king or a prince or a dog
Be there in 35,
Im on my ride
Rolling down the window spine
Wind in my eye
You always have it your way
We always end up at your place
Your the last I loved and the first I’ll lose
Your the gum that sticks onto my shoes
Once so gaye and so amused
You remain forgiven yet still accused
I’ll be there in 25,
God is alive
Kiss me like im gonna die
My gemini
We always have it your way
I keep ending up at your place
My hands on 10 and 2
Riding through the Louisiana blue
You love me and I love you
And all that rhymes is true
Ill be there in 5
God is alive
Kiss me like im gonna die
My gemini
You always have it your way
I keep ending up at your place
Oh baby I arrive
God is alive
Love me till im gonna die
It’s you and I
“
“Analyse”
von “A Drive from You to I”
Lyrics:
“
The suns barrel smolders on lead
The wind carries her dress in California red
Wheat into flour, flour into bread
Present into past and I take back what I said
I’ll be there in 45
Beautiful ride
Rolling down rodeo drive
It’s you and I
You always have it your way
I always end up at your place
I was howling at the moon last night
Licking off the wounds of a previous life
Stardust, UFO’s and sugar in your nose
My otherworldy spite
The astral planes facade
Am i a saint or a sinner or a fraud
wrongfully accused by god
Am I a king or a prince or a dog
Be there in 35,
Im on my ride
Rolling down the window spine
Wind in my eye
You always have it your way
We always end up at your place
Your the last I loved and the first I’ll lose
Your the gum that sticks onto my shoes
Once so gaye and so amused
You remain forgiven yet still accused
I’ll be there in 25,
God is alive
Kiss me like im gonna die
My gemini
We always have it your way
I keep ending up at your place
My hands on 10 and 2
Riding through the Louisiana blue
You love me and I love you
And all that rhymes is true
I’ll be there in 5
God is alive
Kiss me like I’m gonna die
My Gemini
You always have it your way
I keep ending up at your place
Oh baby I arrive
God is alive
Love me till im gonna die
It’s you and I
Squinting through the steering wheel
Pistons howling through engine steel
Driving from yours to Californias heel
From something magical to something real
“
Ich bediene mich stark an Bildern und dem Konzept „saying it without saying it“.
Die Bilder malen ein direktes und starkes individuelles Bild um etwas konkretes zu sagen ohne es auszusprechen.
Die Autofahrt ist das Zentrum des Stücks und streckt sich über den ganzen Song: Der Song startet im fahrenden Auto und endet in der Ankunft - ein starkes, direktes, einfaches und verständliches Szenario das uns Zuhörer*innen zur Protagonist*in macht und in erster Person in den Fahrersitz wirft. Der Refrain zeichnet die Zeitachse der Geschichte, bringt uns jeden Chorus einige Minuten weiter in der Fahrt und markiert ein zweites Konzept. „I’ll be there in 45’“, „I’ll be there in 35’“ und so weiter, bis schliesse „oh baby I arrive“.
Ein weiterer roter Faden sind die Metaphern von Gottesbildern und Ausserweltlichem.
Gottesbilder und das Universum sind das Grösste uns Menschen bekannte und stellen damit einen extremen Kontrast zur sehr nahen und konkreten Szene der Autofahrt in der Songgegenwart dar. Nun geht der Song weder um Gott, noch um das Autofahren. Die Autofahrt und das Ausserweltliche zeigen wie gross und weit, wie nah und direkt, wie magisch und ungreifbar, wie real und echt, wie fern und lange, wie kurz und jetzt die Beziehung zu einem Menschen sein kann.
Der Song malt mit sehr konkreten und direkten Zeilen unendlich viele, ganz individualistische Geschichten und Interpretationen.
Das ganze stammt schlussendlich natürlich von meiner ganz eigenen persönlichen Geschichte, dem Schälen von Altem, das Hingeben und das Loslassen, das Lieben und das Schmerzen, das Verarbeiten vergangener Beziehungen.
So viel zum Allgemeinen. Nun zum Text:
“Durchs Lenkrad blinzeln”: Das perfekte Beispiel von „saying it without saying it“.
Wir eröffnen die Szene bildnerisch mit einer Aktion und sofort ist klar: Wir sitzen im Auto.
“Die Kolben heulen durch den Stahl des Motors” gibt uns weitere Sinneseindrücke und malt das Bild weiter aus indem es sagt, es ist laut oder brummt, ohne zu sagen dass es so ist.
Hier auch die von Joni Mitchell inspirierte Kombination von Wörtern die so zusammen nicht üblich sind: „Pistons“ und „howling“. Kolben heulen nicht, Wölfe heulen.
In der nächsten Zeile „driving from yours to Californias heel“ wird das ganze aufgelöst und das Fahren ausgesprochen, und zeigt speziell mit der Information wohin die Fahrt geht, dass hier etwas persönlich erlebtes erzählt wird.
Die letzte Zeile tönt bereits das Ausserweltliche („magical“) an und spielt direkt mit den, in der Einleitung beschriebenen, Komplexität und Kontrasten einer Beziehung. “Magical” und “real” - eine klare Gegenüberstellung zweier Gegensätze. Hier färbt definitiv die Poesie von Mitchell ab.
Der Lauf der Sonne schwelt aufs Blei - anstatt zu schreiben es ist heiss, male ich spielerisch die Sonnenstrahlen auf unübliche art als Pistolenlaufe, implementiere damit, dass diese aufs Auto (im Song „Blei“) brettert und schwelt. Dabei habe ich weder gesagt, dass die Hitze drückt, noch das Auto erwähnt. Und wieder finden wir interessante Wortwahlen wie „schwelen“, welche man so eigentlich eher aus dem Kochkurs kennt.
„The wind carries her dress in California red“ - eine zweite Person kommt ins Spiel. „California red“ wegen dem Rot in der Kalifornischen Flagge.
Weizen zu Mehl und Mehl zu Brot - weiter werden die Weiten und die Entwicklung zweier Personen beschrieben, und der Absatz endet kryptisch und poetisch mit etwas persönlichem: Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich zurück nehmen, was ich gesagt habe.
Der Chorus bringt auf eine Weise die Perspektive in eine gewisse unmittelbarere Realität, ein stärkeres Hier und Jetzt und öffnet mit der letzten Information zu unserer Autofahrt:
In 45 Minuten bin ich da.
Ich erwähne die Strasse die ich entlangfahre und wechsle damit zu sehr konkretem und echtem.
Am Ende des Chorus wird ganz klar, dass der Song von zwei Personen handelt und dessen Dynamik wird etwas deutlicher. Die Szene zeichnet sich nun schon sehr deutlich: Es ist heiss, der Motor heult, es ist windig, wir sind in Kalifornien und kennen die exakte Strasse, es dauert noch 45’ und es geht um eine weitere Person.
“Den Mond anheulen und die Wunden eines alten Lebens ablecken” erinnert an Werwölfe. Es erzählt meine persönliche Geschichte, und leitet und mischt die Metaphern vom Universum und Unechten wieder ein.
„Stardust, UFO’s and Sugar in your nose“ beschreibt hier kryptisch in der selben Metapher ausgesprochen was die Wunde war. Auf das Wort „otherwordly“ wurde in diesem Absatz konkret hingearbeitet und es benennt die Metapher und das Konzept konkret.
Sich von einem alten Leben schälen wirft Fragen zum neuen Ich auf. Das wurde hier gezielt in den Gottesbildern umgesetzt:
"Bin ich ein Heiliger, ein Sünder oder ein Betrüger
Wurde ich zu unrecht von Gott verurteilt
Bin ich ein König, ein Prinz oder ein Hund“
Anstatt zu schreiben „who am I?“, tauchen wir in ein Konzept:
Ich stelle verschiedene Archetypen einer Person nebeneinander und lasse die Hörer*in selbst entscheiden, wo die Erzählerfigur einzuordnen ist. Die Kategorien werden verschoben, sodass die Grenzen zwischen Gut und Böse, Göttlichem und Menschlichem zunehmend unscharf werden. Ich stelle jeweils drei mögliche Identitäten nebeneinander, die sich gegenseitig widersprechen oder in ihrer Wertung stark auseinanderliegen.
Die eigentliche Frage ist dadurch nicht nur „Wer bin ich?“, sondern: Nach welchem Massstab soll ich mich überhaupt definieren, und macht das ganze noch existentieller.
In „Am I a saint or a sinner or a fraud“ wird die Dichotomie durch „fraud“ erweitert: Es gibt nicht nur Gut und Böse, sondern auch die Möglichkeit, dass die Identität eine Täuschung bzw. Konstruktion ist.
„Am I a king or a prince or a dog“ enthält den selben semantischen Bruch mit „dog“.
„King“ und „prince“ gehören derselben Welt an, während „dog“, genau so wie „fraud“ aus einer unabhängigen anderen kommt. Das erhöht die inhaltliche Komplexität und bildet meine Geschichte akkurater ab. „Gott“ wird hier zum ersten mal direkt ausgesprochen, in einem Satz, der den Klimax und maximale Wucht dieses Sinnbildes markiert. Von Gott verurteilt zu sein ist so ziemlich die stärkste Art das Gefühl auszudrücken, Pech und Steine in den Weg gelegt gekriegt zu haben. Ich zeichne damit die Fragen nach Selbstwert, Identität, Fremdzuschreibung und die Schuldverteilung, die in der Geschichte eine grosse Rolle spielen.
Solche Aufreihungen konkurrierender Perspektiven und spannende Vergleiche haben mich in Joni Mitchell’s Kunst sehr inspiriert.
Zurück im Chorus wird das Konzept klar: Die Minuten Zahl geht runter und wir durchlaufen einen Zeitstrahl im Song. Wir kehren zurück in den Fahrersitz: „ich bin auf dem Weg, lasse das Fenster runter, Wind in meinen Augen.“. Wir Bewegen uns näher und näher der Ankunft entgegen. Ob diese Ankunft eine metaphorische ist oder nicht, soll offen bleiben.
In der Bridge wird die angesprochene Person erstmals eindeutig als jemand greifbar, von dem sich der Protagonist emotional nicht lösen kann. Die Liebe wird dabei nicht als etwas rein Romantisches oder Abstraktes beschrieben, sondern erhält durch die gewählten Bilder beinahe eine physische Qualität: Die Person haftet an ihm, verfolgt ihn und bleibt an ihm hängen. Deutlich wird das in der Zeile „You’re the gum that sticks onto my shoes“. Die Metapher übersetzt emotionale Unfähigkeit, loszulassen, in eine alltägliche und körperlich unmittelbar nachvollziehbare Erfahrung. Gerade weil Kaugummi etwas Lästiges, Hartnäckiges und kaum vollständig Entfernbares ist, bekommt die Liebe hier eine ambivalente Qualität: Sie ist nicht nur begehrenswert, sondern zugleich etwas, das den Protagonisten festhält.
Auch die erste Zeile arbeitet mit einer zeitlichen und emotionalen Spannung: „You’re the last I loved and the first I’ll lose.“ Die angesprochene Person steht gleichzeitig für den Höhepunkt und den drohenden Verlust einer Beziehung. Das „last“ und „first“ erzeugt dabei eine eigentümliche Verschiebung der Zeit – als würde die Figur gleichzeitig auf eine vergangene und eine noch bevorstehende Trennung blicken.
Das Wort „gaye“ ist bewusst ungewöhnlich gewählt. Die Schreibweise verweist auf eine ältere lyrische und musikalische Sprache und ist damit zugleich eine kleine Hommage an die Jazz- und Songwriting-Tradition, aus der ich schöpfe. Der Begriff wirkt dadurch nicht nur semantisch, sondern trägt auch historische Patina in sich. Er markiert meine eigene musikhistorische Verwurzelung und setzt innerhalb eines zeitgenössischen Textes bewusst einen kleinen Bruch von heutiger Alltagssprache. Die Verwendung ist damit auch als persönliches Tribut an eine ältere Songwriting-Tradition zu verstehen, die für meine Arbeit prägend ist.
„You remain forgiven yet still accused“ bildet schliesslich den Abschluss der Bridge und führt die zuvor aufgebaute Ambivalenz auf die Spitze. Vergebung und Schuldzuweisung stehen unmittelbar nebeneinander und bilden ein bewusstes Halbparadox: Die Person ist vergeben und bleibt gleichzeitig beschuldigt. Dadurch wird die emotionale Situation nicht aufgelöst, sondern gerade in ihrer Widersprüchlichkeit festgehalten. Liebe und Verletzung, Nähe und Vorwurf können gleichzeitig bestehen. Dass die Bridge mit diesem scheinbaren Widerspruch endet, lässt die Beziehung bewusst ungelöst zurück – genau wie den Protagonisten, der sich emotional noch immer nicht von ihr lösen kann.
Der dritte Refrain baut die Spannung weiter auf. Weitere Minuten sind vergangen, wir bleiben auf unserem Weg. „God is alive“ wirft eine eigene, unumgängliche und nostalgische Stimmung auf, während „my Gemini“ den konzeptuellen roten Faden zusätzlich unterstützt. Anstatt eine Person mit „you“ oder „my love“ anzusprechen, passt das verwenden ihres Sternzeichens perfekt in die Welt dieses Songtextes.
„Kiss me like I’m gonna die“ zieht den linearen Aufbau des Sehnens im Song weiter auf.
Mit „My hands on 10 and 2“ beschreibe ich nicht unmittelbar, dass der Protagonist fährt. Stattdessen wähle ich ein konkretes, beinahe beiläufiges Detail: die Hände in der klassischen 10-und-2-Position am Lenkrad, wie man es in der Fahrschule lernt. Dadurch wird die Handlung nicht erklärt, sondern über ein physisches Detail vermittelt. Genau diese Art des indirekten Erzählens ist für meine Lyrik zentral: Der Protagonist sagt nicht, was er tut, sondern zeigt es über das, was sich in seinem unmittelbaren Umfeld beobachten lässt.
„Riding through the Louisiana blue“ setzt diese konkrete Szene in eine Landschaft. Das „Louisiana blue“ bildet dabei bewusst ein Gegenstück zu dem an anderer Stelle verwendeten „California red“. Das Blau kann gleichzeitig als Farbe des Himmels gelesen werden und verweist durch seine Verbindung mit Louisiana auch auf die Farbwelt der Flagge des Bundesstaates. Dadurch bekommt die Zeile neben ihrer atmosphärischen Funktion eine geografische und symbolische Ebene.
Mit „You love me and I love you, and all that rhymes is true“ wird schliesslich die eigentliche Innenwelt des Protagonisten offengelegt. Zunächst klingt die Aussage wie eine simple romantische Gewissheit: Wir lieben uns, also ist alles in Ordnung. Die anschliessende Zeile kippt diese Gewissheit jedoch ins Absurde: „Es ist wahr, weil es sich reimt.“ Gerade diese kindlich-logische Begründung macht die Zeile so aufschlussreich für den Charakter.
Der Protagonist versucht, seine Realität so zu formen, dass sie mit dem übereinstimmt, was er sich emotional wünscht. Er biegt, vereinfacht und letztlich verfälscht die Wirklichkeit, um an einer Vorstellung von gegenseitiger Liebe festhalten zu können. Dass sich die beiden Aussagen reimen, wird dabei zu einer Art Beweisführung – als könnte die poetische Form selbst die Wahrheit einer Behauptung garantieren. Gleichzeitig weiss der Protagonist, dass diese Logik nicht trägt. „And all that rhymes is true“ ist deshalb zugleich romantische Selbstvergewisserung, Verleugnung und Selbsttäuschung.
Gerade darin liegt für mich der Kern der Figur: Er möchte so sehr, dass seine Version der Geschichte wahr ist, dass er bereit ist, die Realität dieser Version unterzuordnen. Die Zeile „You love me and I love you“ wird dadurch nicht zur objektiven Feststellung, sondern zu einem Wunsch, den er durch den Reim in eine vermeintliche Tatsache verwandelt. Die Lyrik gibt ihm für einen Moment die Möglichkeit, eine Welt zu erschaffen, in der das stimmt, was sein Herz unbedingt wahrhaben möchte – obwohl er selbst weiss, dass die tatsächliche Situation wesentlich komplizierter ist.
Zurück im Chorus wirft es uns wieder direkt in den Paradox und die Vielschichtigkeit dieser Beziehung: Trotz der Konklusion der nichterwiderten Liebe sind wir weiterhin auf dem Weg zu der Person.
Die beiden letzten Refrains wirken wie eine Steigerung und gleichzeitige Verdichtung dessen, was sich zuvor bereits angedeutet hat. Während im ersten Refrain noch eine gewisse Distanz und Unsicherheit mitschwingt – „I’ll be there in 5“, „My Gemini“ und „You always have it your way“ –, wird diese im darauffolgenden Refrain zunehmend aufgegeben:
Aus dem konkreten Ankommen wird mit „Oh baby I arrive“ final tatsächlich die Ankunft, und aus „Kiss me like I’m gonna die“ wird das noch unmittelbarere „Love me till I’m gonna die“. Die Sprache wird dadurch weniger beobachtend und immer stärker zu einem unmittelbaren Verlangen.
Besonders interessant ist die Veränderung von „My Gemini“ zu „It’s you and I“. Der zunächst etwas rätselhafte und distanzierte Verweis auf die andere Person wird am Ende durch eine maximale Vereinfachung ersetzt: you and I. Alles andere scheint für einen Moment zu verschwinden – es gibt nur noch die beiden. Gleichzeitig bleibt „You always have it your way, I keep ending up at your place“ unverändert. Gerade diese Wiederholung verhindert, dass das Ende als reine romantische Auflösung gelesen werden kann. Die Strömungen der Dynamik bleiben nach wie vor bestehen.
Dadurch bekommt das Ende etwas Zirkuläres und Unausweichliches. Der Song endet nicht mit einer Entscheidung, einer Trennung oder einer Auflösung, sondern genau dort, wo der Protagonist offenbar immer wieder landet: bei dieser Person. Die Wiederholung von „I keep ending up at your place“ macht aus der Beziehung beinahe ein Muster oder einen Kreislauf. Er weiss, dass er keinen Einfluss auf die Dynamik hat, weiss vielleicht sogar, dass sie ihm nicht guttut – und kommt trotzdem immer wieder zurück.
Dass der Song schliesslich mit „It’s you and I“ endet, ist deshalb bewusst keine wirkliche Auflösung. Es ist vielmehr eine Kapitulation vor dem eigenen Verlangen: Der Protagonist hat die Widersprüchlichkeit der Beziehung nicht gelöst und auch seine Selbsttäuschung nicht überwunden. Stattdessen entscheidet er sich am Ende dafür, die Verbindung selbst zur Wahrheit zu machen. Nach allem, was wir über seine Perspektive erfahren haben, wirkt „It’s you and I“ dadurch gleichzeitig romantisch und tragisch – als Behauptung, die er vielleicht gerade deshalb so unbedingt aussprechen muss, weil die Realität sie nicht vollständig bestätigt.
“Oh Baby I arrive!”
Verse 1
Verse 1.1
Chorus 1
Verse 2
Verse 2.1
Chorus 2
Bridge
Chorus 3
Verse 3
Chorus 4
Chorus 4.1